Amerikanisch-Samoa
Ein US-Territorium in Polynesien mit Sonderstatus. Zwischen Tradition und US-Recht prägt der Sonderstatus das tägliche Leben.

📦 Infobox: Amerikanisch-Samoa
Amtssprachen: Samoanisch, Englisch
Staatsform: Uninkorporiertes, „unorganisiertes“ Außengebiet der USA
Hauptstadt: Pago Pago (administrativ) / Fagatogo (Legislative)
Einwohnerzahl: ca. 53 400
Fläche: ≈ 199 km² (Tutīlia, Manu‘a-Inseln, Aunu‘u, Ofu, Olosega, Rose Atoll, Swains)
Währung: US-Dollar (USD)
Zeitzone: UTC −11
Politischer Status: Uninkorporiertes US-Territorium – US-Nationals, keine automatische Staatsbürgerschaft
Geografie und Bevölkerung: Eine Inselwelt im Pazifik
Amerikanisch-Samoa liegt im südlichen Pazifik und umfasst mehrere Inseln und Atolle, darunter Tutuila, die Manu‘a-Gruppe, Aunu‘u sowie die weit abgelegene Swains-Insel. Das Gebiet liegt östlich des 171. Längengrads, der die Samoan-Inselkette historisch geteilt hat.
Die Bevölkerung ist überwiegend samoanischer Herkunft, mit starken kulturellen Bindungen an die polynesische Gemeinschaft in ganz Ozeanien. Die traditionelle Lebensform fa‘a Samoa – die samoanische Art zu leben, in der erweiterte Familien (aiga) und lokale Chiefs (matai) zentrale soziale Rollen spielen – prägt Alltag und Politik.


Kolonialgeschichte und Teilung Samoas
Europäische Seefahrer und Missionare erreichten die Samoa-Inseln vermehrt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Gegen Ende des Jahrhunderts begannen die Großmächte um Einfluss in der Region zu ringen. 1899 einigten sich Deutschland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten in der sogenannten Tripartite Convention darauf, die Inselgruppe zu teilen: Die USA erhielten die östlichen Inseln, Deutschland die westlichen. Später entstand daraus die heutige Unterscheidung zwischen Amerikanisch‑Samoa und dem unabhängigen Staat Samoa.
Die ersten Gebiete wurden 1900 durch lokale Chiefs an die USA abgetreten. Unter der US-Marineverwaltung blieben die Matai-Clans weiterhin zentral für lokale Entscheidungen, während die Vereinigten Staaten strategische und militärische Interessen verfolgten. Während des Zweiten Weltkriegs gewann Amerikanisch‑Samoa an Bedeutung als Marinestützpunkt im Südpazifik. Militäranlagen und Versorgungspunkte wurden errichtet, direkte Kampfhandlungen fanden jedoch nicht statt, und die zivile Bevölkerung blieb weitgehend in ihrem Alltag integriert.
1951 übernahm das US-Innenministerium die Verwaltung des Territoriums. 1967 verabschiedeten die Amerikanisch-Samoaner eine eigene Verfassung, und 1977 fanden die ersten demokratischen Wahlen für das Amt des Gouverneurs statt, was den Beginn der Selbstverwaltung innerhalb des US-Territoriums markierte.
Politischer Status und Staatsbürgerschaft
Amerikanisch-Samoa ist ein uninkorporiertes und formal „unorganisiertes“ US-Territorium – ein rechtlicher Sonderfall, der sich vom Status anderer Territorien wie Puerto Rico oder Guam unterscheidet.
Ein außergewöhnlicher Aspekt dieses Status ist die Frage der Staatsbürgerschaft: Personen, die in Amerikanisch-Samoa geboren werden, sind US-Nationals, aber keine automatischen US-Bürger. Das bedeutet, sie besitzen zwar US-Pässe und können z. B. in die US-Streitkräfte eintreten, haben aber kein volles Wahlrecht in bundesstaatlichen US-Wahlen und dürfen bestimmte politische Ämter nicht ausüben. Ein Antrag auf Einbürgerung ist möglich, aber nicht verpflichtend.
Lokal verfügt das Gebiet über eine eigene Verfassung, einen gewählten Gouverneur und ein Zweikammerparlament (Fono). Gleichzeitig behält der US-Secretary of the Interior bedeutende Kontroll- und Vetorechte über juristische sowie legislative Entscheidungen.
Gesellschaft und Alltag: Tradition trifft US-Recht
Das samoanische Kulturmodell (fa‘a Samoa) ist im Alltag allgegenwärtig – es beeinflusst soziales Leben, Rechtssprechung und Eigentumsformen. Land in Amerikanisch-Samoa ist in der Regel kollektiv im Besitz samoanischer Familien und darf nicht frei verkauft werden, um kulturelle Strukturen zu schützen.
Neben der starken lokalen Identität prägen US-amerikanische Einflüsse das Bildungs-, Medien- und Rechtswesen, was gelegentlich zu Spannungen zwischen traditioneller Lebensweise und modernen Rechtsnormen führt.
Gesundheit und Ernährung: Hohe Adipositas-Raten
Ein weiterer prägender Aspekt des Alltags in Amerikanisch‑Samoa ist der Umgang mit Gesundheit und Ernährung. Das US‑Territorium weist eine der weltweit höchsten Fettleibigkeitsraten auf: Rund 75 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind übergewichtig oder fettleibig und Amerikanisch‑Samoa gehört damit regelmäßig zu den Spitzenreitern in globalen Rankings.
Ursachen sind vor allem der Wandel von traditionellen Ernährungsweisen hin zu importierten, stark verarbeiteten Lebensmitteln mit hohem Zucker‑ und Fettgehalt sowie eine insgesamt geringere körperliche Aktivität. Günstige, importierte Produkte haben lokale Ernährungsgewohnheiten nachhaltig verändert, während frische Lebensmittel teils schwerer zugänglich oder teurer sind.
Auch kulturelle Faktoren tragen dazu bei: Ein kräftiger Körperbau gilt in Teilen der polynesischen Gesellschaft traditionell als Zeichen von Gesundheit und Wohlstand. In Kombination mit ökonomischen und infrastrukturellen Bedingungen wird Übergewicht gesellschaftlich weniger stark stigmatisiert als in anderen Regionen.
Die hohe Prävalenz von Übergewicht beeinflusst den Alltag, die Gesundheitssysteme und öffentliche Diskussionen über Ernährung, Lebensstil und Prävention.
Wirtschaftsstruktur
Ökonomisch prägt Amerikanisch‑Samoa vor allem der öffentliche Sektor, ergänzt durch Fischverarbeitung, insbesondere Dosenfisch, sowie enge wirtschaftliche Verflechtungen mit den USA, die Infrastruktur, Handel und Beschäftigung stark beeinflussen.
Datumsgrenze
Amerikanisch‑Samoa liegt westlich der internationalen Datumsgrenze, während Samoa östlich liegt. Die beiden Inseln sind nur rund 100 Kilometer voneinander entfernt, zwischen ihnen liegt jedoch ein ganzer Kalendertag. Wer von Pago Pago nach Apia reist, reist nicht nur räumlich, sondern auch einen Tag vorwärts in die Zeit. Die Zeitverschiebung hat Auswirkungen auf Geschäftsbeziehungen, Flugpläne und die Kommunikation zwischen den Inseln.
Geopolitik und Gegenwartsfragen
Amerikanisch‑Samoa ist als einzige größere US‑Präsenz in Polynesien geopolitisch bedeutsam – historisch als Marinestützpunkt, heute auch im Kontext strategischer Wettbewerbe zwischen den USA und China. Die militärische Relevanz der Region blieb über den Zweiten Weltkrieg hinaus bestehen.
Innenpolitisch drehen sich Debatten vor allem um US-Staatsbürgerschaft, politische Repräsentation in Washington, Selbstverwaltungsrechte und die Balance zwischen Schutz traditioneller Strukturen und den Möglichkeiten, die US-Recht bietet.
Ein aktueller Streitfall macht die Besonderheiten des Rechtsstatus deutlich: 2025 wurden in Alaska mehrere Personen aus der amerikanisch-samoanischen Gemeinschaft angeklagt, weil sie auf Wahlunterlagen angegeben hatten, US-Staatsbürger zu sein. Dabei handelt es sich um US-Nationals, die formal keine volle US-Staatsbürgerschaft besitzen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Betroffenen „voter misconduct“ vor, während Unterstützer darauf hinweisen, dass die Formulare den Unterschied zwischen US-National und US-Bürger nicht klar erkennen lassen. Vertreter aus Amerikanisch‑Samoa fordern daher Verwaltungs- statt Strafverfahren.
Offenes Ende
Amerikanisch-Samoa steht exemplarisch für die Komplexität kolonialer Rechtsordnungen im Pazifik: ein tiefer kultureller Kern inmitten eines rechtlich außergewöhnlichen Territoriums. Die Zukunft der politischen Beziehungen zu den USA, die Rechte der Einwohner und die Wahrung kultureller Identität bleiben zentrale offene Fragen für das kommende Jahrzehnt.
Videos und Reportagen über Amerikanisch-Samoa
📌 907 – Amerikanisch-Samoa 🇦🇸 (YouTube, ca. 23 min, 2024, Gayson Stanley, Deutschland)
Reisevideo eines deutschen YouTubers, der humorvoll und abseitig Amerikanisch‑Samoa erkundet. Zeigt Inseln, Bewohner und Besonderheiten und liefert einen ersten visuellen Eindruck.
📌 Should American Samoans be Automatic U.S. Citizens? | PBS (YouTube, ca. 16 min, 2025, USA)
Kurzes, journalistisches Video über den politischen Sonderstatus von Amerikanisch‑Samoa und die Debatte um Staatsbürgerschaft. Gut geeignet für den rechtlichen und gesellschaftlichen Kontext.
📌 American Samoa 🇦🇸 (#224) (YouTube, ca. 57 min, 2025, USA)
Amerikanisches Video, das die Hauptinseln bereist und Fokus auf Landschaft, Kultur und Alltag legt. Zeigt die Verbindung von Tradition und US-Einfluss.
