Marshallinseln
Mitten im Pazifik liegen die Marshallinseln. Eine weit verstreute Inselwelt, gezeichnet von Kolonialgeschichte, nuklearem Erbe und der Suche nach einer selbstbestimmten Zukunft.

Der weiß leuchtende Stern mit 24 Strahlen steht für die 24 Verwaltungseinheiten der Republik; die vier langen Hauptzacken verweisen auf die Zentren Majuro, Jaluit, Wotje und Ebeye. Das Design stammt von Emlain Kabua, der ersten First Lady des Landes.
📦 Infobox: Marshallinseln
Name: Republik der Marshallinseln (Republic of the Marshall Islands)
Lage: Zentralpazifik, nordöstlich von Nauru
Einwohnerzahl: ca. 37.000 (Stand 2025)
Fläche: ca. 181 km² Landfläche, über 2.0 Mio km² Meeresfläche
Staatsform: Parlamentarische Republik in freier Assoziation mit den USA
Hauptstadt: Majuro
Währung: US-Dollar (USD)
Sprachen: Marshallesisch, Englisch
Besonderheiten: ehemalige US-Atomtestgebiete; Kompaktvertrag mit den USA; gehört zu den führenden Flaggenstaaten im internationalen Schiffsregisterwesen
Geografie und Bevölkerung
Mitten im westlichen Pazifik, zwischen Hawaii und Mikronesien, erstrecken sich die Marshallinseln über ein riesiges Meeresgebiet. Der Staat besteht aus insgesamt 29 Atollen und fünf Einzelinseln, die sich auf zwei Inselketten verteilen: die östliche Ratak-Kette („Sonnenaufgang“) und die westliche Ralik-Kette („Sonnenuntergang“). Die beiden wichtigsten Atolle sind Majuro – Sitz der Hauptstadt – und Kwajalein, das eines der größten Atolle der Erde ist und heute zum Teil von den USA militärisch genutzt wird. Politisch brisant ist auch Wake Island, ein weit im Norden gelegenes, unbewohntes US-Außengebiet, das von den Marshallinseln als Enen-kio beansprucht wird.
Die gesamte Landfläche der Marshallinseln beträgt lediglich 181 Quadratkilometer. Doch umfasst die ausschließliche Wirtschaftszone beinahe zwei Millionen Quadratkilometer – ungefähr so groß wie Mexiko. Etwa 37.000 Menschen leben derweil auf den Marshallinseln, die meisten davon in Majuro oder auf Ebeye, einer kleinen Nebeninsel von Kwajalein, die zu den am dichtesten besiedelten Orten der Welt zählt.


Kolonialgeschichte und Unabhängigkeit
Historisch waren die Marshallinseln Teil eines großen mikronesischen Seehandelsnetzwerks. Die Kolonialzeit begann 1885 mit der Inbesitznahme durch das Deutsche Kaiserreich, gefolgt von Japan (1914–1944) und schließlich den Vereinigten Staaten, die die meisten Inseln 1944 von der japanischen Besatzung befreiten und bis 1986 im Rahmen eines UN-Treuhandmandats verwalteten. Ein Beispiel für die oft brutale Realität der japanischen Besatzungszeit während des Zweiten Weltkrieges, ist das kaum bekannte Massaker auf dem Mili-Atoll im Frühjahr 1945 – mehr dazu im Blogbeitrag.
1986 erlangten die Marshallinseln ihre staatliche Unabhängigkeit, allerdings in enger Anbindung an die USA durch den „Compact of Free Association“ (COFA). Dieser Vertrag erlaubt es Marshallesen, ohne Visum in die USA zu reisen, dort zu leben und zu arbeiten. Im Gegenzug erhalten die Marshallinseln finanzielle Unterstützung, während die USA das strategische Oberkommando über bestimmte Atolle – allen voran Kwajalein – behalten.
Atombombentests und ihre Folgen
Kaum ein anderes Land verbindet sich so direkt mit der Geschichte der Atomtests wie die Marshallinseln. Zwischen 1946 und 1958 führten die Vereinigten Staaten insgesamt 67 Kernwaffentests durch, insbesondere auf Bikini und Enewetak. Der Wasserstoffbomben-Test Castle Bravo 1954 auf Bikini war einer der stärksten je durchgeführten, mit verheerenden Folgen: Ganze Inseln wurden dauerhaft kontaminiert, Tausende Menschen umgesiedelt. Die sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen sind bis heute spürbar.
Eine der kräftigsten Stimmen gegen das Schweigen über die humanitären und gesundheitlichen Folgen der Atomtests war die marshallesische Aktivistin Darlene Keju, deren Engagement und Zeugnisse im Beitrag Darlene Keju – Stimme gegen das Schweigen auf Mar Pacífico dokumentiert sind.
Politisches System und Außenbeziehungen
Politisch sind die Marshallinseln eine Präsidialrepublik mit einem Parlament und traditionellen Clansystemen. Die Präsidentin (Stand 2025: Hilda C. Heine) wurde im Januar 2024 vom Parlament gewählt. Sie ist nicht nur die erste und bislang einzige weibliche Staatschefin in Mikronesien, sondern bekleidete das Amt bereits zuvor (2016–2020). Die internationale Ausrichtung ist klar: Die USA bleiben wichtigster Partner, aber auch Taiwan spielt eine besondere Rolle. Denn anders als die meisten anderen Staaten in der Welt erkennen die Marshallinseln Taiwan offiziell an und nicht die Volksrepublik China (mehr dazu hier).
Brand im Parlament (Nitijeḷā)
Im August 2025 brach ein verheerender Brand im Parlamentsgebäude (Nitijeḷā) in Majuro aus, der den Sitzungssaal, Büros, die Bibliothek und Archive vollständig zerstörte; dabei gingen auch historische Aufzeichnungen und wichtige Regierungsdokumente verloren. Das Gebäude wurde als unbenutzbar erklärt, und die laufende Sitzungsperiode musste unterbrochen bzw. an anderen Orten fortgeführt werden.
Die Unglücksursache ist bislang nicht abschließend geklärt, doch deuten erste Hinweise darauf hin, dass das Feuer in einem Containeranhänger neben dem Parlamentsgebäude ausgebrochen sein könnte.
Für den Wiederaufbau haben die USA über das State Department rund 13 Millionen USD an Unterstützung zugesagt, um den Bau eines neuen Parlamentsgebäudes zu beschleunigen. Dabei arbeitet Washington eng mit Taiwan zusammen, das zuvor bereits größere finanzielle Hilfe für diese Aufgabe angekündigt hatte.
Wirtschaft, Migration und Klimawandel
Die Wirtschaft der Marshallinseln ist stark von externer Unterstützung abhängig, insbesondere durch Zahlungen und Hilfsprogramme der USA. Haupteinnahmequellen sind der Verkauf von Fanglizenzen an internationale Fischfangflotten sowie das lukrative Schiffsregister. Aufgrund günstiger Bedingungen wie niedriger Steuern, minimaler regulatorischer Auflagen und einer schnellen, digitalisierten Abwicklung haben sich viele internationale Handelsschiffe unter marshallesischer Flagge registriert, trotz fehlender eigener Hochseeflotte.
Ein zentraler Akteur in der regionalen Fischerei ist das PNA Office – die Geschäftsstelle der Parties to the Nauru Agreement (PNA) – mit Sitz in Majuro, das von hier aus die Kooperation von neun pazifischen Teilnehmern in der nachhaltigen Bewirtschaftung und Verwaltung der regionalen Thunfischbestände steuert und damit erheblichen Einfluss auf die wirtschaftlichen Einnahmen und Fischereipolitik der Region hat.
Abgesehen davon gibt es kaum nennenswerte Industrie und ein Großteil der Bevölkerung lebt von Subsistenzwirtschaft. Gleichzeitig steht das Land vor enormen Herausforderungen. Der Klimawandel bedroht die Marshallinseln existenziell: Der höchste natürliche Punkt liegt lediglich zehn Meter über dem Meeresspiegel und regelmäßige Überschwemmungen, Versalzung des Grundwassers und Küstenerosion gefährden schon heute Lebensräume und Infrastruktur. Viele Marshallesen wandern in die USA aus. Ein durch das COFA-Abkommen ermöglichtes Recht (mehr dazu hier).
Besonders die Stadt Springdale in Arkansas hat sich zu einem wichtigen Zentrum der marshallesischen Diaspora entwickelt. Trotz dieser Bedrohungen setzt das Land auch eigene Akzente: So erklärten die Marshallinseln 2011 ihre Gewässer zur größten Haischutzzone der Welt. Ein starkes Zeichen für den Meeresschutz in einer bedrohten Region.
Kultur und Sport
Kulturell sind die Marshallinseln stark von familiären Clans und traditionellen Oberhäuptern – den Iroij – geprägt. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung sind Christen, vor allem Anhänger der protestantischen Marshall Islands Protestant Church. Besonders bei Festen, kirchlichen Veranstaltungen und kulturellem Austausch zwischen den Inseln spielen Musik, Tanz und kunstvolle Stickereien eine zentrale Rolle. Sportlich dominiert Basketball den Alltag vieler junger Marshallesen. Die Plätze in Majuro und auf Ebeye sind zentrale Treffpunkte der Jugend. Auch Baseball und Softball, stark vom Einfluss der USA geprägt, spielen eine Rolle.
Fußball erfreut sich wachsender Beliebtheit: Im Sommer 2025 bestritten die Marshallinseln mit dem Outrigger Challenge Cup ihr erstes internationales Fußballturnier in Springdale, Arkansas. Die Marshall Islands Soccer Federation ist nach wie vor kein Mitglied der FIFA oder einer regionalen Fußball-Konföderation, arbeitet aber aktiv auf eine FIFA-Anerkennung in den kommenden Jahren hin.
Die Stimme der Inseln
Wer aktuelle Entwicklungen auf den Marshallinseln verfolgen möchte, findet fundierte Informationen im Marshall Islands Journal, der einzigen regelmäßig erscheinenden Zeitung des Landes. Seit 1970 berichtet das Blatt wöchentlich auf Englisch und Marshallesisch, mit rund 2.000 Exemplaren Auflage. Chefredakteur Giff Johnson prägt das Journal seit Jahrzehnten; einst nannte sich die Redaktion selbstironisch „die schlechteste Zeitung der Welt“. In einem Interview scherzte Johnson: „Wir haben einen 60 Jahre alten Drucker und glauben Sie mir, Ersatzteile findet man auf den Marshallinseln nicht einfach im Baumarkt.“ Trotz aller Widrigkeiten bleibt das Journal eine unverzichtbare Stimme im Pazifik.
Videos und weiterführende Links
📌 Why Are The Marshall Islands A Hidden Paradise?
Ein Reise-Vlog mit beeindruckenden Bildern aus Majuro – zwischen Traumstränden, Alltag und Meer.
▶️ Jetzt ansehen auf YouTube (10 Min., englisch)
https://www.youtube.com/watch?v=xVCEmk3d5Qk
📌 Geography Now! – Marshall Islands
Ein unterhaltsames, englischsprachiges Länderporträt mit Hintergrundinfos zu Geografie, Geschichte, Politik und Besonderheiten der Marshallinseln.
▶️ Zum Video auf YouTube (12 Min., englisch)
https://www.youtube.com/watch?v=wRzXi8DDrX8
📌 Republic of the Marshall Islands (2025) | Pristine Seas – National Geographic
Eine eindrucksvolle Dokumentation über die marinen und terrestrischen Ökosysteme der Marshallinseln und die Gemeinschaften, die von ihnen leben. Der Film thematisiert zugleich die langfristigen Folgen der US-Atomtests auf Bikini sowie aktuelle Bemühungen zur ökologischen Erholung und zum Meeresschutz.
▶️ Zum Video auf YouTube (67 Min., englisch)
https://www.youtube.com/watch?v=_w36cYKTaDg
📌 Operation Castle (1954)
Ein zeitgeschichtliches Filmdokument über die US-Atomwaffentests auf Bikini und Enewetak. Ein einschneidendes Kapitel der marshallischen Nachkriegsgeschichte.
▶️ Zum Video auf YouTube (21 Min., englisch, Archivmaterial)
https://www.youtube.com/watch?v=kfbHwj71k48
Haben Sie Fragen, Hinweise oder eigene Erfahrungen mit den Marshallinseln? Schreiben Sie uns. Mar Pacífico lebt vom Austausch.
