Aufstand und Massaker auf dem Mili-Atoll

Im Frühjahr 1945 kam es auf dem Mili-Atoll zu einem Massaker an koreanischen Zwangsarbeitern – ein Kapitel der Kriegszeit, das selten im Zentrum öffentlicher Erinnerung steht.

Historische Karte des Mili-Atolls. Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_Mili_Atoll.png

Historischer Kontext

Das Mili-Atoll gehört zu den Marshallinseln, einer Inselgruppe mitten im westlichen Pazifik. Historisch war Mili Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea und gehörte von 1885 bis 1914 zum Deutschen Kaiserreich. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Japan die Marshallinseln unter dem Südseemandat des Völkerbundes. Ab den 1930er-Jahren begann Japan, Mili als strategischen Militärstützpunkt massiv auszubauen – mit Flugfeldern, Radarstationen, Bunkern und Küstenartillerie. Das Atoll wurde zu einem wichtigen Pfeiler des japanischen Verteidigungsrings gegen alliierte Invasionen.

Trotz regelmäßiger US-Luftangriffe ab 1943 wurde Mili nie direkt eingenommen. Die Alliierten setzten auf eine „Bypass-Strategie“ und umgingen stark befestigte Atolle wie Mili. Die japanische Garnison hielt bis zur Kapitulation Japans im August 1945 durch und gehörte zu den letzten japanischen Garnisonen im Pazifik, die bis zur Kapitulation isoliert ausharrten. Die strategische Isolation verschärfte die Versorgungslage drastisch – sowohl für die Soldaten als auch für die koreanischen Zwangsarbeiter.

Zwangsarbeit und katastrophale Bedingungen

Ab 1942 wurden etwa 800 bis 1.000 koreanische Männer nach Mili deportiert, zwangsverpflichtet aus der japanischen Kolonie Korea. Ihre Aufgabe war der Bau militärischer Infrastruktur: Wohnheime, Munitionsdepots, Torpedohangars sowie Funksender.

Mandats- und Hoheitsgrenzen im Pazifik (1921). Die gelbe Markierung zeigt die Lage des Mili-Atolls innerhalb der Marshallinseln, die zu diesem Zeitpunkt unter japanischer Mandatsverwaltung (Südseemandat) standen. Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/South_Seas_Mandate#/media/File:Sovereignty_and_Mandate_Boundary_Lines_in_1921_of_the_Islands_of_the_Pacific.jpg

Die Bedingungen waren extrem: Hunger, Tropenkrankheiten, Misshandlungen und völlige Rechtlosigkeit prägten den Alltag. Mit der zunehmenden Seeblockade und der Zerstörung von Nachschubrouten durch US-Streitkräfte ab Mitte 1944 verschlechterte sich die Versorgung dramatisch. Laut Zeitzeugenberichten wurden die Männer schließlich gezwungen, Fleisch verstorbener Kameraden als „Walfleisch“ zu essen.

Auch die marshallische Zivilbevölkerung litt unter der japanischen Militärverwaltung. Viele Einheimische wurden zu Arbeitsdiensten herangezogen, Lebensmittel streng rationiert, und mit der zunehmenden Isolation des Atolls verschärften sich Hunger und Repressionen auch für sie erheblich. Innerhalb der kolonialen Hierarchie standen jedoch die koreanischen Zwangsarbeiter am untersten Ende – sie galten als rechtlose Arbeitskräfte und waren besonders brutalen Bedingungen ausgesetzt.

Aufstand und Massaker

Die Situation führte Ende Februar / Anfang März 1945 zu einer Rebellion. Auf einer kleinen Insel des Atolls töteten die Arbeiter mehrere ihrer japanischen Aufseher. Japanische Straftruppen reagierten sofort: Sie umstellten die Insel, eröffneten wahllos das Feuer und exekutierten die koreanischen Arbeiter. Einige sprengten sich in den Tod, andere wurden erschossen.

Von den etwa 120 koreanischen Zwangsarbeitern, die im Frühjahr 1945 auf der Insel eingesetzt waren, überlebten weniger als 20. Weitere Untersuchungen beziffern die Gesamtzahl der auf Mili zwischen 1942 und 1945 getöteten koreanischen Zwangsarbeiter auf mehr als 200.

Zwangsarbeit im pazifischen Kontext

Einsätze koreanischer Arbeitskräfte sind auch von Palau, Saipan, Truk (Chuuk) und Nauru belegt. Dort herrschten ähnlich katastrophale Bedingungen: Mangelernährung, Krankheiten, Misshandlungen und völlige Rechtlosigkeit. Viele überlebten die Entbehrungen nicht und nur wenige fanden nach dem Krieg Gehör.

Erinnerung und Aufarbeitung

Erst Jahrzehnte später erkannte die südkoreanische Regierung das Massaker offiziell an (2010). In Südkorea ist das Ereignis Teil von Medienberichten und Erinnerungsprojekten, während auf den Marshallinseln selbst kaum eine öffentliche Erinnerungskultur entwickelt wurde.

Im Oktober 2025 organisierte die Provinz Süd-Jeolla, Südkorea, die „Akademische Konferenz zur Zwangsarbeit auf dem Mili-Atoll“. Viele der koreanischen Zwangsarbeiter stammten ursprünglich aus dieser Provinz, weshalb ihre Provinzregierung die historische Aufarbeitung besonders vorantrieb. Forscher, Vertreter der Provinzregierung und zivilgesellschaftliche Gruppen diskutierten historische Hintergründe, dokumentierten Opferzahlen und Todesumstände und erörterten mögliche zukünftige Untersuchungen.

Wirtschafts-Vizegouverneur Kang Wi-won betonte:

„Die Opfer der Zwangsmobilisierung auf dem Mili-Atoll wurden lange Zeit in einer vergessenen Geschichte vernachlässigt. Wir müssen die historische Wahrheit richtigstellen und die Ehre der Opfer und ihrer Familien wiederherstellen.“

Quelle: Khan.co.kr, 22. Oktober 2025

Multimedialer Hinweis

Tour of Mili Atoll (1994)
Ein ruhiger, dokumentarischer Rundgang über das Mili-Atoll aus dem Jahr 1994. Das im Rahmen eines kulturhistorischen Projekts des Alele Museum and Public Library entstandene Video zeigt vor allem Relikte der militärischen Nutzung während des Zweiten Weltkriegs sowie Landschaft und Küstenbereiche des Atolls. Dörfer oder damaliges Inselleben stehen dabei nicht im Fokus; ein direkter Bezug zu den japanischen Kriegsverbrechen auf Mili wird nicht hergestellt.

▶️ Zum Video auf YouTube (ca. 100 Min., englisch)
https://www.youtube.com/watch?v=fMQmsVuc0Hg

K̗omm̗ool tata an das Alele Museum and Public Library sowie das College of the Marshall Islands für die Bereitstellung und Digitalisierung des Materials.

Weitere Quellen

Korea JoongAng Daily, „Japan’s massacre of Korean laborers at Marshall Islands confirmed“, 4. Okt. 2010 – Link
Dong-A Ilbo, „218 victims of ‘Mili Atoll incident’ disclosed“, 8. Juni 2024 – Link