Black Saturday – Koloniale Gewalt und samoanischer Widerstand

Der Black Saturday am 28. Dezember 1929 markiert den blutigsten Moment des samoanischen Widerstands gegen die neuseeländische Mandatsverwaltung. Anlass war eine Versammlung der Mau in Apia, der heutigen Hauptstadt Samoas, bei der die Teilnehmer den aus Neuseeland zurückkehrenden Anwalt des im Exil befindlichen Mau-Führers Ta‘isi Olaf Nelson empfangen wollten. Aus dem Empfang entwickelte sich ein Marsch entlang der Hafenstraße. Als die Polizei versuchte, mehrere Mau-Angehörige festzunehmen – offiziell wegen offener Steuer- und Verwaltungsdelikte –, eskalierte die Situation. Historische Darstellungen weisen darauf hin, dass diese Festnahmen bewusst in der dicht gedrängten Menge vorgenommen wurden. Neuseeländische Polizeikräfte eröffneten daraufhin mit Revolvern das Feuer; zudem kam ein Maschinengewehr zum Einsatz. Während spätere offizielle Darstellungen dessen Verwendung relativierten, gilt als unstrittig, dass auf eine unbewaffnete Menschenmenge geschossen wurde. Mindestens elf Menschen starben, rund sechzig wurden verletzt.

Unter den Toten war Tupua Tamasese Lealofi III., ein hochrangiger matai und eine zentrale moralische Autorität der Mau. Er hatte versucht, die Demonstrierenden zur Ruhe zu bringen und appellierte sterbend an Gewaltlosigkeit. Seine letzten Worte prägten das Selbstverständnis der Bewegung nachhaltig und verliehen ihr eine ethische Legitimität, die weit über den unmittelbaren Konflikt hinauswirkte.

Die Mau war nicht spontan entstanden. Ihre Wurzeln reichten bis in die deutsche Kolonialzeit und verstärkten sich nach 1914 unter neuseeländischer Herrschaft. Neuseeland verwaltete Samoa zunächst als Militärregierung, später als Mandatsgebiet des Völkerbundes – formal mit dem Auftrag, politische Entwicklung und Selbstverwaltung zu fördern. Tatsächlich war die Administration durch autoritäre Entscheidungsstrukturen, weitreichende Verbannungen und tiefe Eingriffe in samoanische Formen kollektiver Selbstorganisation geprägt. Besonders konfliktträchtig war die Schwächung des matai-Systems, das als Fundament sozialer Ordnung und politischer Autorität galt.

Mau-Führer und der oberste Häuptling Tupua Tamasese Lealofi III vor dem achteckigen Mau-Büro im Dorf Vaimoso nahe Apia, Samoa, 1929.
Das markante kleine Gebäude trägt die Aufschrift „Samoa mo Samoa“ („Samoa für die Samoaner“), der Leitspruch der Mau-Bewegung. Bild: Wikipedia Lizenz: CC BY 2.0

Hinzu kam das kollektive Trauma der Influenza-Katastrophe von 1918. Nachdem die neuseeländische Verwaltung ein infiziertes Schiff ohne Quarantäne in Apia anlegen ließ, starben innerhalb weniger Wochen etwa 8.500 Menschen – rund ein Viertel der Bevölkerung. Verantwortung wurde weder juristisch noch politisch übernommen. Diese Erfahrung prägte das Verhältnis zur Mandatsmacht tief und verstärkte die Unterstützung für die Mau erheblich.

Nach dem Massaker von 1929 wurde die Mau verboten und ihre Führung systematisch verfolgt. Viele Männer entzogen sich der Verhaftung, indem sie in abgelegene Regionen gingen. In dieser Phase übernahmen Frauen zentrale Aufgaben: Sie hielten Kommunikationswege aufrecht, organisierten Versammlungen und sorgten für Versorgung und Koordination. Die Bewegung blieb so handlungsfähig, trotz massiver Repression, Hausdurchsuchungen und zusätzlicher Polizeikräfte aus Neuseeland.

Trauerzug für Tupua Tamasese Lealofi III., Führungsfigur der Mau-Bewegung, Samoa, 1930. Mau-Anhänger tragen seinen Sarg. Bild: Wikipedia Lizenz: CC BY 2.0

Der Black Saturday wurde damit zu einem moralischen und politischen Wendepunkt. 1962 erlangte Samoa als erster pazifischer Inselstaat die Unabhängigkeit. Vier Jahrzehnte später bat Neuseelands Premierministerin Helen Clark offiziell um Entschuldigung für koloniale Gewalt und die Folgen der Influenza-Katastrophe – ein spätes, aber bedeutsames Eingeständnis historischen Unrechts.