Koloniale Altlasten: Die Affen von Angaur

Ein Stück deutscher Kolonialgeschichte lebt auf Palau – mit Krallen, Zähnen und einer Vorliebe für süßes Obst.

Die Lage der Insel Angaur im Staat Palau.
Die Lage der Insel Angaur (gelb markiert) in Palau. Nördlich von Angaur befindet sich Koror. Bild: Wikipedia Lizenz: CC BY 2.0

Koloniale Altlasten: Die Affen von Angaur in Palau

Die Geschichte der Affen von Angaur ist eine der ungewöhnlichsten Hinterlassenschaften der deutschen Kolonialzeit im Pazifik. Auf dieser kleinen Insel, am südlichen Rand des Inselstaates Palau, lebt bis heute eine Population von Javaneraffen (Macaca fascicularis), die einst von deutschen Beamten eingeführt wurde. Was als kurioses Tierexperiment begann, hat sich zu einer ernsthaften ökologischen Krise ausgeweitet. Die Affen von Angaur sind heute weit mehr als eine lokale Kuriosität; sie sind ein Symbol für die tiefgreifenden und oft ungeplanten Folgen menschlicher Eingriffe in isolierte Ökosysteme.

Die Geschichte reicht zurück ins Jahr 1909. Deutsche Kolonialherren, die das Eiland vor allem wegen seiner reichen Phosphatvorkommen wirtschaftlich ausbeuteten, ließen mehrere Makaken aus Südostasien auf die Insel bringen. Ob die Tiere zur Belustigung, zu Forschungszwecken oder als exotischer Zeitvertreib importiert wurden, ist historisch nicht zweifelsfrei belegt. Berichte aus der damaligen Zeit legen jedoch nahe, dass die Affen von Angaur im Kontext des Bergbaus eine besondere Rolle spielten. Es wird vermutet, dass sie als eine Art biologisches „Frühwarnsystem“ in den Phosphatminen eingesetzt wurden, ähnlich den Kanarienvögeln im europäischen Kohlebergbau.

Was sicher ist: Die Tiere fanden auf dem Eiland ideale Bedingungen vor. Ohne natürliche Fressfeinde wie große Schlangen oder Raubvögel vermehrten sie sich rasant. Heute leben schätzungsweise mehrere tausend Tiere auf der Insel – damit übersteigt die Zahl der Affen von Angaur die der menschlichen Bewohner um ein Vielfaches.

Zwischen ökologischem Ärgernis und touristischer Attraktion

Die tierischen Einwanderer haben sich im Inselalltag längst unentbehrlich – und unerträglich – gemacht. Sie plündern Papaya-Plantagen und Taro-Felder mit einer Geschicklichkeit, gegen die herkömmliche Zäune wirkungslos sind. Für die lokale Bevölkerung ist das eine existenzielle Bedrohung: Die traditionelle Selbstversorgung wird zunehmend unmöglich, was die Abhängigkeit von teuren Lebensmittelimporten verschärft. Besonders tragisch ist der kulturelle Verlust: Da der Anbau von Taro wegen der Affenplage kaum noch Erfolg verspricht, droht das jahrhundertealte landwirtschaftliche Wissen der Inselbewohner verloren zu gehen.

Gleichzeitig versucht man, aus der Not eine Tugend zu machen. Die Affen von Angaur sind ein Alleinstellungsmerkmal im zentralen Pazifik. Ein im Jahr 2020 offiziell initiiertes, über neun Hektar großes Projekt für ein Schutzgebiet (Monkey Sanctuary) sollte die Tiere eigentlich räumlich konzentrieren und für den Ökotourismus erschließen. Doch bis heute erweist sich die Umsetzung als schwierig: Das Areal bleibt eher eine politische Vision als ein funktionierender Park.

Die Makaken sind schlichtweg zu intelligent; sie meiden die aufgestellten Fallen und lassen sich nicht dauerhaft an feste Futterstationen innerhalb des Reservats binden, solange die privaten Gärten der Bewohner leichtere Beute bieten. Während weiterhin über gezielte Jagdmaßnahmen debattiert wird, bleiben diese aufgrund ethischer Bedenken und des theoretischen touristischen Potenzials der Tiere auf Palau umstritten.

Die Affen von Angaur als politische Forderung an Deutschland

Die Makaken wirken auf das fragile Ökosystem Palaus ähnlich verheerend wie die Braune Nachtbaumnatter auf Guam. Aktuelle Berichte zeigen zudem eine neue Dynamik: Durch moderne Bauprojekte und den Ausbau militärischer Infrastruktur im Rahmen der US-Sicherheitskooperation werden die natürlichen Rückzugsräume der Tiere kleiner. Dies treibt die Affen von Angaur noch stärker in die menschlichen Siedlungen, was die Konflikte weiter anheizt.

Im Jahr 2022 erreichte die Debatte eine neue politische Ebene: Das Parlament von Angaur verabschiedete eine Resolution, die die Bundesrepublik Deutschland formell zur Unterstützung aufforderte. Als historisch Verantwortliche für die Einführung der Tiere soll die deutsche Regierung technische und finanzielle Hilfe leisten, um das koloniale „Vermächtnis“ zu bewältigen. Damit wird der Fall zu einem Präzedenzfall für die Aufarbeitung ökologischer Kolonialschäden. Während Berlin auf diplomatische Klimahilfe verweist, warten die Menschen vor Ort weiterhin auf konkrete Expertenhilfe zur Bestandskontrolle der Affen von Angaur.