Der Sokehs-Aufstand 1910/11 auf Pohnpei – Deutscher Kolonialkrieg im Pazifik

Zwangsarbeit und Aufbegehren: Der Sokehs-Aufstand und Deutschlands größte Militäraktion im Pazifik

Pohnpei (früher Ponape), heute Teil der Föderierten Staaten von Mikronesien: Die Insel im westlichen Pazifik, auf der 1910/11 der Sokehs-Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft ausbrach. Bild: Wikipedia Lizenz: CC BY 2.0

Am Morgen des 18. Oktober 1910 eskaliert auf Deke Sokehs, einer bergigen Halbinsel an der Nordküste der zu den Karolinen gehörenden Insel Pohnpei (früher Ponape), ein Streit zwischen einheimischen, zum Arbeitsdienst eingeteilten Männern und den Kolonialbehörden. Wenige Stunden später sind mehrere Beamte tot. Was als Arbeitsverweigerung beginnt, entwickelt sich zu einem organisierten Widerstand gegen die deutsche Herrschaft. Die Reaktion ist brutal – sie endet in standrechtlichen Erschießungen und Deportationen.

Heute, 115 Jahre später, ist der sogenannte Sokehs-Aufstand kaum bekannt. Weder in Deutschland noch darüber hinaus. Dabei markiert er einen der bedeutendsten antikolonialen Widerstände im pazifischen Raum unter deutscher Herrschaft.

Strafe, Zwang und Aufbegehren

Im Zentrum des Geschehens steht die Halbinsel Deke Sokehs im Nordwesten von Pohnpei, damals Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea. Die deutsche Kolonialverwaltung führte verpflichtende Arbeitsdienste für die einheimische Bevölkerung ein, um öffentliche Infrastrukturprojekte voranzutreiben. Besonders wichtig war der Bau eines Wegenetzes, das unter anderem eine Ringstraße rund um die Insel umfasste. Diese Straßen sollten nicht nur die Erschließung entlegener Orte erleichtern, sondern auch eine schnelle Verlegung von Truppen im Falle von Unruhen ermöglichen, da viele Teile der Insel zu jener Zeit vor allem per Kanu zugänglich waren.

Der deutsche Bezirksamtmann Gustav Boeder, verantwortlich für die Verwaltung der Region, war eine zentrale Figur der Kolonialherrschaft vor Ort und gilt bei vielen Zeitgenossen und Historikern aufgrund seiner ungeschickten Politik gegenüber den Ponapesen als Hauptverantwortlicher für den Ausbruch des Aufstands. Als im Oktober 1910 der junge Mann Lahdeleng wegen Arbeitsverweigerung mit einer körperlichen Züchtigung in Form von Stockhieben bestraft werden sollte, eskalierte die Situation. Noch im Zusammenhang mit dieser angekündigten Strafe griffen mehrere Arbeiter die anwesenden Kolonialbeamten mit Äxten und Macheten an; es fielen Schüsse. Dabei kamen neben dem Bezirksamtmann Boeder drei weitere deutsche Beamte sowie fünf Mikronesier, die im Dienst der Kolonialverwaltung standen, ums Leben.

Die Aufständischen stammten überwiegend aus dem Sokehs-Stamm und wollten nicht einfach nur rebellieren, sondern drückten ihre tiefe Frustration über Zwangsarbeit, wirtschaftliche Ausbeutung und den Eingriff in traditionelle Strukturen aus. Der Mythos, die Rebellen hätten die Siedlung Kolonia – den Sitz der Verwaltung – angreifen wollen, lässt sich nicht belegen.

Historisch gesehen hatte bereits die spanische Kolonialmacht im 19. Jahrhundert wiederholt Konflikte mit den Bewohnern von Pohnpei, die für die Spanier meist ungünstig verliefen. Dies führte dazu, dass die Spanier sich in der Region Kolonia weitgehend zurückzogen und die Stadt kaum mehr verließen. Die deutschen Kolonialherren übernahmen diese fragile Lage und sahen sich mit ähnlichen Widerständen konfrontiert.

Der Mann hinter dem Aufstand: Soumadau en Sokehs

Ohne ihn wäre der Aufstand kaum denkbar gewesen: Soumadau en Sokehs. Er entstammte dem niederen Adel des Sokehs-Clans und war eine charismatische Persönlichkeit, die bald die Führung der Rebellen übernahm. Soumadau organisierte geschickt Rückzüge in die schwer zugänglichen Berghänge der Halbinsel, richtete Verteidigungsstellungen ein und zeigte sich auch nach Wochen unerschütterlich entschlossen. Die Sokehs präsentierten sich als geschlossene, widerständige Einheit – ganz im Gegensatz zu anderen Clans auf Pohnpei, die sich zurückhielten oder sogar die Deutschen bei der Suche nach Soumadau und seinen Unterstützern unterstützten.

Karte Pohnpeis. Bild: Wikipedia Lizenz: CC BY 2.0

Nach dem Gewaltausbruch reagierte das Deutsche Reich mit militärischer Härte: Im Dezember 1910 landeten drei Kriegsschiffe – die SMS Cormoran, die SMS Nürnberg und die berühmte SMS Emden – Soldaten auf Pohnpei. Die Schiffe eröffneten schweres Artilleriefeuer auf die Halbinsel, um die Aufständischen zur Kapitulation zu zwingen. Doch die Rebellen flohen rechtzeitig in das schwer zugängliche Inselinnere.

In den folgenden Wochen wandten die deutschen Truppen eine Strategie der verbrannten Erde an, um die Versorgung der Rebellen zu unterbinden. Diese Strategie zeigte schließlich Wirkung: Am 22. Februar 1911 kapitulierten Soumadau en Sokehs und seine letzten Gefolgsleute.

Exekution und Exil: Die deutsche Vergeltung

Nur zwei Tage nach der Kapitulation, am 24. Februar 1911, wurden 15 Männer öffentlich hingerichtet – darunter auch Soumadau en Sokehs. Die Exekution fand auf einem kleinen Palmenvorsprung am Wasser bei Kolonia statt. Die Verurteilten wurden in einer Reihe aufgestellt und an vorbereiteten Holzpfählen festgebunden. Soumadau en Sokehs wurde eine letzte Ansprache durch den Leiter des Erschießungskommandos verweigert.

Laut dem deutschen Historiker Morlang richtete er dennoch einige Worte an die sich „in seiner Nähe befindlichen Ponapesen“. Er bat sie, alle Sokehs von ihm zu grüßen und ihnen zu sagen, dass er und die anderen für ihre Sünden starben. Ein weiterer Mann, Samuel, rief aus: „Ihr jungen Männer, folgt nicht unserem Beispiel!“ (Morlang, 2010, S. 131). Bevor er noch mehr sagen konnte, feuerte das aus 100 melanesischen Polizeisoldaten bestehende Erschießungskommando eine Salve ab.

Die übrigen Mitglieder des Sokehs-Clans, mehr als 400 Menschen – darunter viele Frauen und Kinder –, wurden nach Babelthuap (Palau) deportiert. Die Bedingungen im Exil waren prekär: Das ungewohnte Klima, Mangelernährung, Krankheiten und die Isolation führten zu hohen Sterberaten. Zugleich erklärte die deutsche Kolonialverwaltung das angestammte Gebiet der Sokehs auf Pohnpei zum Regierungseigentum. Die enteigneten Ländereien wurden anschließend an Angehörige anderer lokaler Gruppen verpachtet – ein gezielter Eingriff in die sozialen und politischen Machtverhältnisse der Insel.

Bis heute gilt das Exil als kulturelle Zäsur: Der Sokehs-Clan verlor nicht nur seine Heimat, sondern auch seine politische Stellung und soziale Struktur. Die japanische Besatzungsmacht erlaubte erst 1917 die Rückkehr. 1927 verließen die letzten Deportierten Palau.

Erinnerung in Pohnpei

In Pohnpei ist der Aufstand bis heute präsent – wenn auch nicht allgegenwärtig. Die Hinrichtungsstelle oberhalb von Kolonia ist heute ein Erinnerungsort, ebenso ein schlichter Gedenkstein für die Hingerichteten. Die Geschichte von Soumadau en Sokehs wird mündlich tradiert und in Schulen thematisiert, auch wenn sie im Alltag kaum im Vordergrund steht.

Und in Deutschland?

In Deutschland dagegen ist der Aufstand von 1910/11 nahezu unbekannt. Während in den letzten Jahren Debatten über den Völkermord an den Herero und Nama oder die Kolonialverbrechen in Ostafrika zugenommen haben, bleiben Mikronesien, die Karolinen oder das Deutsche Neuguinea im öffentlichen Diskurs weitgehend außen vor. Auch die deutsche Kolonialforschung fokussierte lange auf Afrika, die Südsee galt als „Nebenkriegsschauplatz“. Erst Werke wie Morlangs Rebellion in der Südsee (2010) rückten das Geschehen allmählich ins Blickfeld. Mehr zum Buch hier.

115 Jahre später: Ein möglicher Impuls zum Erinnern

Mit dem Jubiläum im Oktober 2025 jährt sich der Beginn des Aufstands zum 115. Mal – ein Anlass, sich in Deutschland dem begangenen kolonialen Unrecht zu erinnern. Der Sokehs-Aufstand mahnt, dass antikolonialer Widerstand nicht nur in Afrika stattfand, sondern auch im Pazifik: in Dörfern, auf kleinen Inseln, unter Menschen, deren Geschichten selten erzählt wurden. Soumadau en Sokehs steht exemplarisch für den lokalen antikolonialen Widerstand: Nicht als klassischer Held, sondern als historische Figur in einem asymmetrischen Kolonialkonflikt.

Ob dieses Erinnern in Deutschland über Fachkreise hinaus reicht, bleibt offen. Dass der Jahrestag mit einem Radiobeitrag im Deutschlandfunk aufgegriffen wurde, ist weniger außergewöhnlich als vielmehr eine längst überfällige Selbstverständlichkeit. Der Beitrag vom 18. Oktober 2025 („Aufstand der Sokehs gegen deutsche Kolonialherren in der Südsee“) ist dennoch hörenswert – nicht zuletzt, weil er ein seltenes öffentliches Schlaglicht auf ein kaum präsentes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte wirft.

Hinweis: Mein Dank gilt Thomas Morling, der mich auf die Sendung aufmerksam gemacht hat.

Wer sich intensiver mit dem Sokehs-Aufstand und dem historischen Kontext befassen möchte, findet auf der Website des Bundesarchivs eine ausführliche, quellengestützte Darstellung der Ereignisse, Hintergründe und Konsequenzen:
„Aufruhr auf Ponape – Der Sokehs-Aufstand 1910/11“ (Bundesarchiv) – https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/aufruhr-auf-ponape/