The Coconet TV – ein digitales Dorf für pazifische Stimmen

The Coconet TV versteht sich als digitales „Dorf“ für pazifische – vor allem polynesische – Stimmen und richtet sich insbesondere an Pasifika-Communities in Neuseeland und der Diaspora.

Startseite von The Coconet TV: Die Plattform bündelt Videos, Serien und Beiträge aus dem polynesischen Pazifik – von Popkultur bis Politik.

Wer sich im deutschsprachigen Raum mit den Inselstaaten des Pazifiks beschäftigt, stößt schnell auf eine auffällige Leerstelle: Es gibt kaum Medienangebote, die pazifische Gesellschaften aus ihrer eigenen Perspektive zeigen. Berichtet wird über den Pazifik meist dann, wenn es um Klimawandel, Naturkatastrophen, Militärstrategien oder geopolitische Rivalitäten geht. Der Alltag, die Popkultur, die inneren Debatten pazifischer Gemeinschaften bleiben hingegen weitgehend unsichtbar.

The Coconet TV ist ein Versuch, diese Leerstelle zu füllen. Die Plattform, erreichbar unter thecoconet.tv, versteht sich als digitales Zentrum für pazifische Bewegtbildinhalte – produziert von Pazifikinsulanerinnen und -insulanern selbst, für ein Publikum in Neuseeland, im Pazifik und in der weltweiten Diaspora.

Auch wenn The Coconet TV häufig allgemein als „pazifische“ Plattform beschrieben wird, liegt der inhaltliche Schwerpunkt deutlich auf Polynesien. Im Zentrum stehen Stimmen und Formate aus Samoa, Tonga, den Cookinseln, Niue, Tahiti und Fidschi – Regionen, die in Aotearoa Neuseeland eine besonders starke diasporische Präsenz haben.

Beiträge aus Melanesien oder Mikronesien sind deutlich seltener vertreten. The Coconet TV erhebt daher nicht den Anspruch, den gesamten Pazifik in seiner Vielfalt abzubilden, sondern reflektiert vor allem jene kulturellen Räume, aus denen seine Produzentinnen, Produzenten und Zielgruppen stammen.

Ein Portal statt einer einzelnen Sendung

The Coconet TV wurde 2014 in Neuseeland gestartet. Finanziell ermöglicht wurde der Aufbau durch das Kickstart Digital Media Funding Programme von NZ On Air, einer öffentlichen Förderinstitution, die Medieninhalte unterstützt, welche die gesellschaftliche Vielfalt Neuseelands widerspiegeln. Zielgruppe waren von Beginn an vor allem die wachsenden pazifischen Communities in Neuseeland, deren Mediennutzung sich zunehmend von klassischem Fernsehen hin zu digitalen Formaten verlagerte.

Anders als viele zeitgleiche Projekte, die als Webserie oder einzelnes Onlineformat konzipiert waren, setzte The Coconet TV von Anfang an auf ein Portal-Modell: eine Plattform, die unterschiedliche Formate, Genres und Stimmen zusammenführt. Dokumentationen, Comedyformate, Kurzfilme, Vlogs, Kochsendungen, Kinderprogramme, Musikformate und sogenannte „How-to“-Videos stehen gleichberechtigt nebeneinander. Ergänzt wird das Angebot durch Blogs, Podcasts und interaktive Inhalte.

Die Plattform beschreibt sich selbst als „virtuelles Inselheimatland“ – eine Metapher, die weniger touristisch gemeint ist als sozial: The Coconet soll ein digitaler Ort sein, an dem pazifische Identitäten sichtbar werden und miteinander in Beziehung treten können.

Pacific people telling Pacific stories

Der programmatische Kern von The Coconet TV lässt sich auf eine einfache Formel bringen: pazifische Menschen erzählen ihre eigenen Geschichten. Dieser Anspruch ist nicht neu, gewinnt im digitalen Raum jedoch eine neue Reichweite.

Lange Zeit waren pazifische Figuren in neuseeländischen und internationalen Medien entweder unterrepräsentiert oder auf bestimmte Rollen festgelegt. Inhalte wurden häufig für ein nicht-pazifisches Publikum produziert und entsprechend gefiltert. The Coconet TV setzt dem bewusst eine andere Logik entgegen: Humor, Sprache, Themen und Erzählweisen richten sich zunächst an pazifische Communities selbst – nicht an externe Erwartungen.

Dabei geht es nicht um eine idealisierte Selbstdarstellung. Auf der Plattform finden sich ebenso ernste historische Dokumentationen wie leichte Unterhaltungsformate. Migration, Kolonialgeschichte, Sprache, Religion, Geschlechterrollen, Alltagskonflikte und Popkultur stehen nebeneinander, ohne hierarchisiert zu werden.

Die Rolle von Lisa Taouma und Tikilounge Productions

Eng verbunden mit der Entstehung von The Coconet TV ist die neuseeländisch-samoanische Produzentin, Regisseurin und Autorin Lisa Taouma. Taouma arbeitete bereits in den 1990er Jahren für das Fernsehmagazin Tagata Pasifika und war später maßgeblich an der Entwicklung der Jugend- und Popkultursendung Fresh beteiligt, die seit 2011 auf TVNZ ausgestrahlt wird.

Fresh gilt als eines der ersten Formate, das pazifische Jugendkultur im neuseeländischen Fernsehen konsequent aus einer eigenen Perspektive zeigte. Aus dem Umfeld dieser Sendung heraus entstand auch die Produktionsfirma Tikilounge Productions, ein Kollektiv pazifischer Filmschaffender, das The Coconet TV konzipierte und betreibt.

Taouma selbst beschreibt die Motivation hinter dem Projekt wiederholt als Reaktion auf strukturelle Ausschlüsse im Medienbetrieb: Die Annahme, pazifische Geschichten hätten nur ein kleines Publikum oder seien wirtschaftlich nicht tragfähig, habe lange Zeit als Argument gegen entsprechende Produktionen gedient. The Coconet TV stellte diese Annahme infrage – nicht theoretisch, sondern praktisch, durch Reichweite und Nutzung.

Reichweite, Diaspora und digitale Vernetzung

Heute wird The Coconet TV nicht nur in Neuseeland genutzt. Zugriffszahlen zeigen ein internationales Publikum, insbesondere in Australien, den USA, Kanada, aber auch in asiatischen Ländern. Die Plattform spiegelt damit die Realität pazifischer Migration wider: Der Pazifik ist nicht nur eine Region aus Inselstaaten, sondern auch ein weit verzweigtes diasporisches Netzwerk.

Gerade in dieser Funktion als verbindendes Medium liegt eine der Stärken von The Coconet TV. Inhalte aus Samoa, Tonga, den Cookinseln oder Niue werden in Auckland ebenso gesehen wie in Kalifornien oder Sydney. Gleichzeitig entstehen Formate, die explizit diasporische Erfahrungen thematisieren – etwa das Aufwachsen zwischen kulturellen Erwartungen, Sprachverlust oder Rassismuserfahrungen.

Grenzen und Einordnung

Trotz seines Anspruchs ist The Coconet TV kein allumfassendes Abbild des Pazifiks. Die Plattform ist stark im neuseeländischen Kontext verankert; nicht alle pazifischen Regionen sind gleichermaßen vertreten. Die meisten Inhalte sind englischsprachig, was Reichweite ermöglicht, zugleich aber bestimmte Perspektiven ausschließt.

Auch ersetzt The Coconet TV keine lokalen Medien in den Inselstaaten selbst. Vielmehr ergänzt es bestehende Öffentlichkeiten. Insbesondere dort, wo kommerzielle Medien wenig Interesse an pazifischen Themen zeigen.

Warum The Coconet TV für ein europäisches Publikum relevant ist

Für Leserinnen und Leser in Europa bietet The Coconet TV vor allem eines: einen Perspektivwechsel. Wer den Pazifik nicht nur als geopolitischen Raum oder als Symbolregion des Klimawandels wahrnehmen will, findet hier Einblicke in gesellschaftliche Debatten, kulturelle Praktiken und Selbstbilder, die in europäischen Medien kaum vorkommen.

The Coconet TV ist kein Erklärformat für Außenstehende. Gerade darin liegt sein Wert. Die Plattform zeigt, wie Medien aussehen können, wenn sie nicht primär nach außen wirken wollen, sondern nach innen und dennoch global sichtbar werden. In einer Medienlandschaft, die den Pazifik oft auf wenige Schlagworte reduziert, markiert das Projekt einen nachhaltigen Gegenentwurf.

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