Thunfisch im Pazifik: Milliardenmarkt und Hebel für die Souveränität

Von außen betrachtet geht es um Fisch. Doch für viele pazifische Inselstaaten steht weit mehr auf dem Spiel: wirtschaftliche Existenz, staatliche Souveränität und ihr Platz in der internationalen Politik.

Update: Eine erweiterte und tiefergehende Analyse zu diesem Thema erschien von Sebastian Mohr im November 2025 in der Wochenzeitung Jungle World.


Thunfisch im Pazifik: Geopolitik, Lizenzen und der Kampf um den Ozean. Eine Küstenwache zeigt Präsenz in den Gewässern Kiribatis.
Küstenwache zeigt Präsenz in AWZ. Ein Fischtrawler vor Tarawa (Kiribati) wird von der Küstenwache im Rahmen der „Oceania Maritime Security Initiative“ angehalten. Foto: U.S. Navy / Grady T. Fontana Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Fischgründe: Warum der Thunfisch im Pazifik ein globaler Schatz ist

Der Thunfisch im Pazifik stellt die weltweit wichtigste Ressource seiner Art dar. Jährlich werden hier Millionen Tonnen Gelbflossen-, Großaugen- und Skipjack-Thunfisch gefangen – ein Geschäft im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar. Der Großteil dieser Fänge stammt aus den ausschließlichen Wirtschaftszonen (AWZ) der kleinen Inselstaaten zwischen Mikronesien, Polynesien und Melanesien. Grundlage dafür ist das UNCLOS-Seerechtsübereinkommen, das jedem Küstenstaat eine 200-Seemeilen-Zone (AWZ) zusichert, in der nur er die Ressourcen nutzen darf.

Was nach einer Nischenbranche klingt, ist für viele dieser Staaten ein zentrales wirtschaftliches Standbein: Fischereilizenzen machen teils mehr als 50  Prozent des Staatshaushalts aus – mehr als Tourismus oder Entwicklungshilfe. Insbesondere der PNA-Verbund („Parties to the Nauru Agreement“), ein Zusammenschluss von neun pazifischen Staaten, hat in den letzten Jahren erfolgreich ein regional abgestimmtes Lizenzsystem etabliert, das die Küstenstaaten stärkt und unregulierte Fischerei erschwert.

PNA – Parties to the Nauru Agreement

9 Mitgliedsstaaten: FSM, Kiribati, Marshallinseln, Nauru, Palau, PNG, Salomonen, Tokelau, Tuvalu
Kontrollieren gemeinsam 25–30 Prozent der weltweiten Thunfischfänge
Verwaltung: PNA Office in Majuro (Marshallinseln), seit 2010
Bekannt für das „Vessel Day Scheme“ – ein Lizenzsystem zur Kontrolle der Fischerei

Das Vessel Day Scheme – Fangtage statt Fangquoten

Durch das Vessel Day Scheme (VDS) kontrollieren die Inselstaaten den Zugang zum Thunfisch im Pazifik effizienter als je zuvor, indem sie Fangtage zu einem kostbaren Gut machen. Anders als klassische Fangquoten, die in Tonnen gemessen werden, regelt dieses Kernstück der PNA-Strategie die genaue Zahl der Tage, die ausländische Fischereiflotten in den AWZ der Mitgliedsstaaten verbringen dürfen. Jeder Staat erhält ein Kontingent dieser Fangtage und kann sie an Nationen wie Japan, China oder die USA verkaufen.

Die Preise pro Fangtag werden jährlich gemeinsam festgelegt und liegen mittlerweile oft bei über 12.000 US-Dollar. Damit erzielen Länder wie Kiribati, Tuvalu oder Nauru teils mehr als die Hälfte ihrer Staatseinnahmen. Neben der Einnahmensicherung dient das System auch dem Schutz der Fischbestände: Überfischung wird durch die Begrenzung der Gesamtfangtage erschwert und die PNA-Mitglieder treten gegenüber großen Fangnationen geschlossen auf – was ihre Verhandlungsposition erheblich stärkt.

Screenshot der PNA-Mitgliederkarte – Diese Staaten verwalten gemeinsam den Thunfisch im Pazifik. Die Karte zeigt die neun Mitglieder des Parties to the Nauru Agreement (PNA) – FSM, Kiribati, Marshallinseln, Nauru, Palau, Papua-Neuguinea, Salomonen, Tokelau und Tuvalu – die gemeinsam einen erheblichen Anteil der globalen Thunfischfänge kontrollieren. Bildquelle: https://www.pnatuna.com/our-members.

Lizenzen, Dollars und Diplomatie: Wenn Fisch zur Außenpolitik wird

Der Thunfisch ist im Pazifik längst nicht nur ein Handelsgut, sondern Teil internationaler Diplomatie. Länder wie China, Japan, Taiwan, Südkorea, die USA und auch die EU konkurrieren intensiv um Zugang zu den lukrativen Fanggründen. Der Preis für ein solches Zugangsrecht ist dabei nicht immer nur Geld:

„Fisch gegen Infrastruktur“ lautet eine gängige Formel, bei der ausländische Staaten im Gegenzug für Fischereirechte Häfen, Schulen, Regierungsgebäude oder Flughäfen bauen. Ein durchaus übliches Muster chinesischer Entwicklungspolitik im Pazifik: So erhält etwa Tuvalu im Gegenzug für Fanglizenzen medizinische Ausstattung und Entwicklungshilfe aus Taiwan, während Kiribati für den Zugang zum Thunfisch im Pazifik zunehmend auf Infrastrukturprojekte Chinas setzt. Die Fischgründe sind damit Hebel in der Außenpolitik kleiner Staaten und Instrumente geopolitischer Einflussnahme der großen Mächte.

Der Klimawandel verändert die Spielregeln

Doch die Kontrolle über die Bestände für Thunfisch im Pazifik ist keine Selbstverständlichkeit. Die Erwärmung der Ozeane führt dazu, dass der Thunfisch im Pazifik seine Wanderrouten nach Osten verschiebt, was die wirtschaftliche Sicherheit vieler PNA-Staaten bedroht. Einige Simulationen gehen davon aus, dass sich die Fänge zunehmend in Hochseegebiete oder in AWZ anderer Staaten verlagern werden, zum Nachteil jener Inselstaaten, die heute vom Zugang zu „ihren“ Fischgründen leben.

Damit stellt sich nicht nur eine wirtschaftliche Frage: Wenn Lizenzeinnahmen ein Drittel bis zur Hälfte des Budgets ausmachen, geraten auch staatliche Kernfunktionen wie Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur in Gefahr. Zugleich werfen die Wanderbewegungen neue völkerrechtliche Fragen zur Fischerei auf der Hohen See auf, etwa zur Rolle von Regional Fisheries Management Organisations (RFMOs) und zu gerechter Verteilung.

Illegale Fischerei: Unsichtbarer Raubzug auf offener See

Neben diplomatischen Tauschgeschäften bedroht auch die illegale, unregulierte und undokumentierte Fischerei (IUU-Fishing) die Souveränität der Pazifikstaaten. Diese ist oft schwer nachzuweisen, da die Überwachungskosten hoch und die Seegrenzen weitläufig sind. Satellitenbilder, GPS-Daten und internationale Kooperationen gewinnen daher an Bedeutung und zugleich an politischer Brisanz.
Für manche Inselstaaten wie Kiribati oder Tuvalu ist der Kampf gegen illegale Fischerei ein existenzsicherndes Mittel zur Selbstbehauptung, auch gegenüber Staaten, die sich sonst als Entwicklungspartner präsentieren. Illegale Fischerei entzieht den betroffenen Nationen nicht nur Geld, sondern gefährdet auch die Bestände für nachhaltigen Thunfisch im Pazifik.

Dieses Video erklärt anschaulich, was unter illegaler, nicht gemeldeter und unregulierter Fischerei (IUU-Fishing) zu verstehen ist: Eine zentrale Herausforderung im pazifischen Raum.

Maritime Sicherheit als Antwort – die Oceania Maritime Security Initiative (OMSI)

Die so genannte Oceania Maritime Security Initiative (OMSI) ist eine US-geführte Kooperation, die seit 2009 Pazifikstaaten wie Kiribati oder die Marshallinseln bei der Überwachung ihrer AWZ unterstützt. Dabei nehmen US-Küstenwachenschiffe lokale Fischereikontrolleure an Bord, um effektive Inspektionen durchzuführen und illegale Aktivitäten einzudämmen. OMSI verbindet Ressourcenschutz mit strategischer Sicherheit und zeigt, wie internationale Partnerschaften zur Wahrung maritimer Souveränität und zum Schutz der Bestände für Thunfisch im Pazifik beitragen.

Eigenständigkeit durch Ressourcenkontrolle

Die Debatten um Fischerei zeigen: Die pazifischen Inselstaaten sind keine passiven Spielbälle geopolitischer Großstrategien. Sie nutzen ihre natürlichen Ressourcen strategisch zur Wahrung ihrer Eigenständigkeit. Ob als diplomatischer Hebel oder ökonomisches Rückgrat: Der Thunfisch im Pazifik wird zum politischen Faktor und bleibt eines der zentralen Elemente für die Souveränität der Inselstaaten im 21. Jahrhundert. Dabei stellt sich immer dringlicher die Frage: Wer kontrolliert die Nahrungsketten, die Ozeane und die Zukunftsfähigkeit beim Thunfisch im Pazifik?

Weiterlesen in der Jungle World:

Wie genau sich die Fangmethoden unterscheiden, welche Rolle das Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) spielt und wie Taiwan und China in Tuvalu und Kiribati um Einfluss ringen, habe ich in einer ausführlichen Reportage für die Jungle World (Ausgabe vom 20.11.2025) analysiert: Hier geht es zum vollständigen Artikel in der Jungle World